„Markus, mach das Handy aus. Jetzt ist unsere Zeit.“ Strafend schaute Alex ihren Freund an. „Aber, wenn noch ein Einsatz kommt?“ „Dann sind deine Jungs wohl in der Lage das mal ohne dich zu lösen.“ Genervt schaute Alex Markus an und er wusste, dass es besser für den Hausfrieden war, sein Handy einfach auszuschalten. Alex war einfach so anders, als es Katharina immer gewesen war. Bei Katharina war sein Handy immer an gewesen. Sie hatte stets akzeptiert, dass er erreichbar sein wollte für seine Freunde und Kollegen und sie war es ebenso. Auch sprachen sie abends über ihren Tag, was bei Alex ein völliges Tabuthema war. Sie wollte am Abend nicht mehr über den Arbeitstag reden. Mittlerweile war Markus seit 4 Monaten mit Alex zusammen und an diese Dinge hatte er sich bis heute nicht gewöhnt. Ihm missfiel es, wie oft er seine Freundin mit Katharina verglich, aber er tat es immer wieder. Katharina. Immer wieder schlich sich seine Ex-Freundin in seine Gedankenwelt. Das Verhältnis zu ihr war seit Monaten angespannt. Er wusste von ihren Gefühlen für ihn und war kurzerhand zu Alex gezogen, um ihr nicht mehr auf dem Hof zu begegnen. Katharina hatte zwar angeboten zurück ins Hotel zu ziehen, aber Markus wollte ihr ihr Zuhause nicht wegnehmen. Besonders, da er bei einem Gespräch zwischen Tobias und Emilie mitbekommen hatte, dass sich Katharina seit Monaten in den Schlaf weinte. Sie brauchte ihre Familie. Er hatte ja nun seine eigene kleine Familie. „Woran denkst du?“, fragte Alex, als sie mitbekam, dass Markus seinen Gedanken nachhing. „Ach nix“, log er und lächelte sie sanft an. „Denkst du schon wieder an die doofe Arbeit? Echt, Markus, fahr heim. Jetzt ist Feierabend und wenn du das nicht akzeptieren kannst, dann fahr nach Hause.“ „Es ist erst 14 Uhr und noch kein Feierabend. Ich bin lediglich her, weil es so ruhig ist gerade.“ „Ich hatte mich auf einen schönen Nachmittag mit dir gefreut, aber du arbeitest ja lieber.“ „Natürlich nicht“, gab Markus klein bei und setzte sich zu ihr aufs Sofa. „Na also“, flüsterte sie in sein Ohr und begann ihn zärtlich zu küssen. Markus ließ sich fallen und die Bergrettung war schnell vergessen.

„Ich kann den Markus nicht erreichen.“ Rudi legte den Telefonhörer zurück. „Keine Ahnung, wo der steckt.“ Tobias seufzte. „Dann muss es eben ohne ihn gehen.“ Katharina nickte zustimmend, griff ihren orangenen Rettungsrucksack und marschierte zur Tür. „Bis später, Rudi.“ Sie warf ihrem Kollegen eins ihrer strahlenden Lächeln zu, was dieser gern erwiderte. Tobias folgte seiner Schwester durch die Tür. „Bis später.“ Katharina lenkte den silbernen Wagen der Bergrettung in rasantem Tempo direkt zum Heliport. Der Heli stand schon bereit und Michi wartete bereits neben der gelben Mühle auf seine Kollegen. Die Helme hatte er schon ins Innere gelegt, so dass es direkt losgehen konnte. Schnell kletterten alle hinein und der Heli hob ab.

„Wo steckt denn der Markus?“, fragte Michi, während er den Heli auf Höhe brachte. „Das wissen wir nicht, der hat sein Handy aus“, brachte Tobias Michi auf den neuesten Stand. „Der und sein Handy aus?“, fragte der Pilot ungläubig. Katharina schluckte. „Seit der seine Alex hat, herrschen eben andere Regeln.“ Den gewissen Unterton in ihrer Stimme hatten beide Männer wahrgenommen, kommentierten ihn aber nicht. „Wir schaffen das auch alleine“, sagte Tobias motivierend. „Klar“, antwortete seine Schwester von hinten. „Wir sind auch gleich da. Ich setz euch gleich oben ab, da kann ich die Mühle gut landen.“

Nachdem der Hubschrauber sicher gelandet war, sprangen Tobias und Katharina aus dem Heli und wurden von Wanderern aufgeklärt, wo sie den Verletzten entdeckt hatten. „Gehst du zuerst runter zu ihm?“ fragte Tobias, während Katharina und er die Helme wechselten. „Japp, ich schau ihn mir an, ob wir ihn an der langen Leine bergen können.“ Tobias nickte. Vorsichtig ließ er seine Schwester hinunter. Unten angekommen löste sie die Sicherung, nahm den Rucksack vom Rücken und kniete sich neben den Verletzten. Der atmete selbstständig und schien sich von seinem Sturz aus 3 Metern den Oberschenkel gebrochen zu haben. „Alles okay, Tobi“, sprach Katharina ins Funkgerät. Nur ein Oberschenkelbruch so wie ich das sehe und eine Gehirnerschütterung.“ „Dann lass ich gleich den Bergesack runter und komm dann nach.“ „Perfekt.“ Katharina begann das Bein des Verletzten zu fixieren, als dieser plötzlich wach wurde und begann wild um sich zu schlagen. Katharina versuchte den Mann zu beruhigen, doch er war in heller Panik, schlug um sich und traf Katharinas Gesicht. Sie war etwas benommen von dem unerwarteten Schlag und leicht nach hinten getaumelt, als er so kräftig mit dem gesunden Bein ausholte und die zierliche Bergretterin über den Rand des Plateaus, auf dem er lag, beförderte. Der gellende Schrei der Bergretterin fuhr Tobi und Michi durch Mark und Bein. Dann herrschte Totenstille. Tobias brauchte einen Moment, um zu begreifen, was eben geschehen war. „Michi, ruf Verstärkung, ich muss zu Katharina.“ „Okay.“ Michi tat wie ihm geheißen. Tobias kletterte zuerst auf das Plateau mit dem Verletzten, der schockiert auf dem Boden lag und kein Wort hervorbrachte. „Du bewegst dich nicht weg, hörst du?“, befahl Tobias harsch. „Hilfe kommt.“ Dann sah er über den Rand hinunter. Katharina lag in gut 7 Metern Tiefe seitlich und regungslos auf dem Gras. Tobi sicherte sich erneut und kletterte so schnell er konnte zu seiner Schwester.

„Katharina“, flüsterte Tobi als er neben Katharina im Gras kniete. „Hilfe ist unterwegs, hörst du? Du musst durchhalten.“ Tobias hatte gemerkt, dass ihr Helm gesprungen war und war sich sicher, dass Katharina eine Kopfverletzung davongetragen haben musste. Sie lag seitlich vor ihm und Tobias war froh, dass es hier eine Menge hohes Gras gab, von dem er sich erhoffte, dass es ihren Aufprall abgemildert haben könnte.

Die Minuten, bis der neue Rettungsarzt aus der Klinik, Dr. Wuhlmann, endlich neben Tobi auf den Boden sank, erschienen ihm schier endlos, dabei hatte es tatsächlich nur 10 Minuten gedauert. „Hey Tobi“, sprach Linus Wuhlmann den Bergretter an. „Hey Linus. Hilf meiner Schwester, bitte.“ „Darum bin ich hier.“ Linus sah Tobi an. „Auf jeden Fall hat sie die Beine gebrochen. Aber das wundert mich nicht aus der Höhe. Kopfverletzung auch definitiv. Der Helm ist hier total zerbrochen. Wie es innerlich ausschaut, müssen wir im Krankenhaus klären. Michi soll den Bergesack herbringen und dann fliegst mit ihr zum Krankenhaus. Ich schau derweil nach dem Spezi da oben.“

Im Krankenhaus wartete schon Emilie vor der Notaufnahme. Michi hatte sie informiert, denn ihm war klar, wie sehr Tobias der Unfall seiner Schwester mitgenommen hatte. Während Katharina sofort in den Schockraum gebracht wurde, fiel Tobi seiner Freundin in die Arme. Er begann bitterlich zu weinen. Emilie hatte alle Mühe, ihren Partner wieder etwas zu beruhigen. Liebevoll schob sie Tobias auf einen der Stühle im Wartebereich. Zum Glück hatte Michi ihr schon erzählt, was genau geschehen war, denn aus den Bruchstücken, die Tobi von sich gab, konnte niemand schlau werden. Während Tobias und Emilie vor der Notaufnahme saßen und warteten, flog Michi den Heli in den Port und kam etwas später mit Rudi zum Krankenhaus. Nun saßen die vier Freunde voller Anspannung und Sorge im Wartebereich und hofften, dass sie bald Info bekommen würden. Als sich endlich die Tür öffnete und Frau Dr. Ortmann mit ernster Miene auf die Freunde zutrat, war allen klar, dass es nicht gut um ihre Freundin stehen musste. „Hallo, seid ihr die Angehörigen von Katharina?“, fragte sie in die Runde. „Ja“, antwortete Tobias, der als erster von seinem Stuhl gesprungen war. „Katharina ist meine Schwester.“ „Ah, dann bist du der Tobias.“ Die Ärztin lächelte ihm aufmunternd zu. „Die Katharina wird gleich operiert. Sie hat innere Blutungen, die wir jetzt stoppen müssen und sie hat ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Die Brüche versuchen wir auch direkt mitzuversorgen, damit sie nicht noch eine Narkose bekommt. Aber die schwere Kopfverletzung macht uns definitiv die meisten Sorgen. Da können wir nur abwarten.“ „Was kann denn im schlimmsten Fall passieren?“, fragte nun ein blasser und sehr besorgter Rudi. „Naja, sie könnte eine geistige Behinderung davontragen oder sogar sterben.“ Rudi wurde direkt noch blasser. Er mochte Katharina so gern, das durfte einfach nicht passieren. „Aber warten wir erstmal die OP ab. Dann kann ich euch vielleicht schon mehr sagen. Es kann aber lang dauern.“

Keiner der Freunde verließ die Klinik, alle warteten miteinander. Sie sprachen nicht viel, aber es war keine unangenehme Stille. Sie warfen sich immer wieder Blicke zu. Zwischendurch versuchte jeder mal Markus zu erreichen, aber sein Handy war aus. „Soll ich mal zur Alex fahren?“, fragte Rudi. „Vielleicht braucht die Katharina den Markus, wenn sie aufwacht?“ „Bei Alex hab ich es auch schon zig Mal probiert“, meinte Emilie. „Aber ich hab immer nur ihre Mailbox.“ „Bleib hier, Rudi. Irgendwann wird der Markus schon mal sein verdammtes Handy in die Hand nehmen“, sagte Tobi leicht verbittert. „Aber ihm nix zu sagen, geht auch net. Ich fahr den Trottel jetzt holen.“ Michi stand vom Stuhl auf. „Sobald ihr was erfahrt, ruft ihr mich an, verstanden?“ „Na klar“, versprach Rudi.

Michi fuhr so zügig er konnte zu Alex Haus. Mittlerweile war es schon fast 23 Uhr und Michi war es relativ egal, ob sie schon im Bett waren. Aber das Licht brannte noch und so drückte er auf den Klingelknopf. Am Öffnen spürte Michi schon Alex schlechte Laune. Sie riss förmlich die Tür auf und sah Michi wutentbrannt an. „Bist du irre jetzt noch zu klingeln, Ben schläft.“ „Ich muss dringend den Markus sprechen“, kam Michi ohne Umschweife zum Punkt. Wortlos drehte sich Alex um. „Dein Typ wird verlangt“, sagte sie zu Markus, der schon zur Tür unterwegs war, weil er Michis Stimme gehört hatte. „Was ist passiert?“ Markus spürte sofort, dass etwas schlimmes passiert sein musste, sonst wäre Michi niemals um diese Zeit gekommen. „Die Katharina…“, sagte er und rang nach den richtigen Worten. „Was ist mit Katharina?“ Markus wechselte sofort die Gesichtsfarbe. „Sie ist beim Einsatz verunglückt.“ Markus war leichenblass. „Ist sie…?“, weiter konnte er es nicht aussprechen. Michi verstand, was Markus wissen wollte. „Nein, sie lebt. Sie wird gerade operiert. Schädel-Hirn-Trauma, innere Blutungen und diverse Knochenbrüche. Sie ist aus 7 Metern abgestürzt.“ „Ich muss zu ihr“, stammelte Markus. „Darum bin ich hier.“ Markus eilte kurz ins Haus, griff seine Sachen und sagte nur zu Alex: „Katharina hatte einen Unfall, ich muss zu ihr.“ „Jetzt? Mitten in der Nacht?“ Ungläubig sah Alex Markus an. „Ja, jetzt“, grummelte Markus. Schnell griff er seine Jacke und eilte hinaus zu Michi. „Sei mir net bös jetzt, Spezi, aber, die Alex passt net zu dir.“ Seufzend ließ sich Markus auf den Beifahrersitz plumpsen. „Ich weiß, ist gerade der falsche Moment, tut mir leid, Markus.“ „Schon okay, Michi. Aber erzähl mir bitte erstmal: was ist mit Katharina passiert?“ „Wir hatten einen Einsatz, Tobi hat Katharina zu einem verletzten Wanderer runtergelassen und dann ist der durchgedreht und hat Katharina über den Rand gestoßen. Mindestens 7 Meter ist sie tief gefallen, ich tippe, es waren eher 8.“ „Warum ist sie alleine runter?“ „Weil wir nur zu dritt waren?“ „Weil ich nicht da war…“, flüsterte er leise. „Markus, es ist nicht deine Schuld. Wenn einer Schuld hat, dann der Irre, der Katharina gestoßen hat.“ „Aber ich war nicht da. Ich war nicht da, weil Alex so ein Theater gemacht hat“, seufzte er. „Mit Katharina war es so viel einfacher“, sagte er leise. „Du liebst sie doch noch, oder?“, fragte Michi ebenfalls in einem ruhigen, leisen Ton. Michi sah die Zerrissenheit in Markus Gesicht. Markus hatte sich diese Frage nie gestellt. Er hatte Katharina einfach vergessen wollen. Er hatte sich regelrecht zu Alex geflüchtet und war sich sicher, mit ihr glücklich werden zu können. Und trotzdem machte ihn der Gedanke, dass Katharina etwas geschehen könnte, schier wahnsinnig. Besonders, weil seine Mutter an einem Schädel-Hirn-Trauma gestorben war. Wenn er jetzt Katharina auf die gleiche Weise verlieren würde, könnte er das nicht ertragen. „Michi?“ „Ja?“ „Sei ehrlich. Ihr Zustand ist kritisch, oder?“ „Du und ich wissen beide, wie ein Schädel-Hirn-Trauma ausgehen kann. Sie wird gerade operiert, mehr weiß ich leider auch nicht. Aber wir fanden es einfach wichtig, dass du da bist. Egal, was da gerade zwischen euch ist.“ „Danke. Ich muss zu ihr, Michi.“ Michi nickte nur und fuhr los.

„Markus“, Emilie stand direkt auf, um ihn in die Arme zu nehmen. Auch Tobias konnte nicht anders, als seinen besten Freund in die Arme zu schließen. Die beiden brauchten sich einfach gegenseitig und beiden war es in diesem Moment auch bewusst. „Ich konnte es nicht verhindern, Markus“, schluchzte Tobias. „Ich hab nicht damit gerechnet, dass sowas passiert.“ Katharinas Bruder weinte nun hemmungslos. Markus drückte seinen Freund fester an sich. „Du hast keine Schuld, hörst du?“ „Ich hätte sie nie alleine nach unten lassen dürfen.“ „Und ich hätte da sein müssen“, flüsterte Markus.

Es war bereits kurz nach 4 in der Nacht, als Frau Dr. Ortmann sichtlich fertig den Wartebereich betrat. Überrascht stellte sie fest, dass alle immer noch im Krankenhaus auf ihre Freundin warteten. Markus und Tobias waren direkt aufgesprungen und sahen die Ärztin mit besorgter Mine an. Im Kreis standen die Freunde nun um Frau Dr. Ortmann herum. „Wir konnten die Blutungen der Milz stoppen“, begann sie zu erzählen. „ihre Knochenbrüche sind versorgt. Aber ihre Kopfverletzung macht uns Sorgen. Wir mussten sie während der OP reanimieren und haben sie erstmal ins künstliche Koma gelegt, um den Druck auf ihr Gehirn zu senken. Erst wenn sie wieder aufwacht, werden wir wissen, ob sie bleibende Schäden davontragen wird.“ Erschrocken sahen sich die Freunde an. „Darf ich zu ihr?“, fragte Tobias. Frau Dr. Ortmann nickte. „Aber nur ganz kurz. Sie braucht jetzt einfach Ruhe.“

Während Tobi sich für den Besuch auf der Intensivstation vorbereitete, war Markus auf seinem Stuhl regelrecht ineinander gesunken. Emilie bemerkte die stillen Tränen, die sich den Weg über seine Wangen suchten. „Komm, Rudi, ich bring dich heim“, sagte Michi und zog Rudi vom Stuhl. Wir kümmern uns morgen um die Vertretung, dann könnt ihr hierbleiben, Tobi und du“, sagte er zu Markus. Emilie nahm Markus Hand und streichelte sanft darüber. „Markus?“, sagte Emilie leise. „Ich war nicht da, als sie mich gebraucht hat. Ich hab ihr mal versprochen, immer für sie da zu sein.“ „Markus, ihr seid getrennt, du musst dir nichts vorwerfen.“ „Doch. Emilie, sie ist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben.“ „Und dasselbe bist du für sie. Sie hängt mehr an dir als an jedem anderen Menschen.“ Markus zog tief die Luft ein. „Ich denke, sie wird auch dich brauchen, wenn sie aufwacht.“ „Wenn sie aufwacht. Meine Mutter ist nicht wieder aufgewacht und ich konnte ihr nicht mehr vorher sagen, wie lieb ich sie habe. Wenn sich das jetzt wiederholt und Katharina das nicht schafft.“ „Sie schafft das, Markus. Du kennst sie. Sie ist eine Kämpferin.“ Emilie wollte noch etwas anderes sagen, aber sie verkniff es sich. Katharina sollte Markus selbst sagen, wie sehr sie ihn liebt.

Tobias betrat leise das Zimmer seiner Schwester. Es piepte überall, ihr Kopf war verbunden und die Beine lagen in Beinlagerungsschienen. Auch ihre linke Hand war eingegipst. Katharina war wahnsinnig blass. Vorsichtig kam Tobias näher und nahm ihre Hand in seine. „Hey Schwesterchen. Wie geht’s dir? Draußen auf dem Flur sitzen ganz viele Leute, die dich liebhaben und darauf warten, dass ich ihnen erzähle, wie es dir geht. Die Emilie ist da, der Rudi, der Michi und natürlich der Markus. Der macht sich genauso schreckliche Vorwürfe wie ich. Wir haben beide nicht auf dich aufgepasst. Ab jetzt werden wir beide besser auf dich aufpassen, ich verspreche es dir. Werd schnell gesund, hörst du? Ich brauche dich, kleine Schwester. Und jetzt schicke ich dir noch jemand anderen vorbei. Ich komm morgen wieder.“ Tobias hauchte ihr einen Kuss auf die Hand, ehe er das Zimmer verließ.

„So, jetzt geh rein zu ihr, Markus.“ Tobias lächelte seinem Freund aufmunternd zu. „Ich hab mich extra beeilt, damit du noch schnell zu ihr kannst. Frau Dr. Ortmann hat’s erlaubt, sie wartet auf dich.“ Markus konnte nichts sagen. Tobias sah, dass Markus geweint hatte. „Danke“, flüsterte Markus und verschwand hinter der Tür, wo schon ein grünes Gewand für ihn bereit lag.

Als Markus das Zimmer betrat, setzte sein Herz für einen Moment aus. Katharina so hilflos und verletzt zu sehen schockierte ihn. Er scannte ihren leblosen Körper, jeden Verband, jede Wunde, ihre Beine, den Kopfverband, den Beatmungsschlauch und die Überwachungsmonitore, die im Hintergrund ihren Dienst verrichteten. Zaghaft und mit einem beklemmenden Gefühl von Angst näherte er sich ihrem Bett. „Hey Katharina, ich bin’s, Markus. Es tut mir so leid, dass ich nicht da war. Ich hab dir versprochen, immer auf dich aufzupassen.“ Markus schluckte schwer. Er spürte diesen dicken Kloß im Hals, von dem er glaubte, daran ersticken zu müssen. Markus Knie zitterten so sehr, dass er nach dem Besucherstuhl hangelte und sich darauf sinken ließ. Vorsichtig nahm er ihre Hand in seine und streichelte mit dem Daumen darüber. So hatte er schon einmal an ihrem Bett gesessen. Damals hatte sie ihr Baby verloren. Mit der anderen Hand strich er eine seidig weiche Haarsträhne an die Seite. „Katharina, du bist der wichtigste Mensch in meinem Leben, bitte lass mich nicht alleine. Ich weiß, es ist gerade alles total kompliziert und verfahren zwischen uns, aber wir kriegen das hin. Wir sind doch Freunde.“ Freunde. Markus überlegte einen Moment. Waren sie wirklich nur noch Freunde? Katharina litt unter ihrer Trennung, das hatte er ja nun zufällig mitbekommen, obwohl es nicht für seine Ohren bestimmt gewesen war. Sie liebte ihn also offenbar immer noch, obwohl sie ihm gegenüber stets so tat, als ginge es ihr gut und als käme sie mit der unerwiderten Liebe und seiner Beziehung zu Alex klar. In Markus Kopf herrschte das reinste Chaos. Und der Anblick seiner schwer verletzten Freundin machte das Chaos nur noch schlimmer. Auf der einen Seite war da Alex, in die er sich Hals über Kopf total verknallt hatte und auf der anderen Seite war da Katharina. Seine Seelenverwandte, beste Freundin, sein Gegenstück. Und irgendwo dazwischen stand auch noch Nina, mit der er eine heftige Affäre nach der Trennung von Katharina gehabt hatte und die jetzt auf seine Hilfe angewiesen war, seit sie nach einem Unfall im Rollstuhl saß. Katharina würde definitiv auch Hilfe benötigen und er schwor sich, dass sie jede Hilfe bekommen sollte, die er ihr geben konnte. „Bitte wach bald wieder auf, Katharina. Ich brauch dich doch.“

Markus, Tobias und Emilie warteten die ganze restliche Nacht vor der Intensivstation. Rudi hatte eine Nachricht geschickt, dass die Gröbminger Kollegen einspringen würden und sie bei Katharina im Krankenhaus bleiben konnten. Als Markus mittags mal wieder auf sein Handy schaute, hatte er 11 Anrufe in Abwesenheit. Alle waren von Alex. Kurz schlich sich ein schlechtes Gewissen durch zu ihm und er entschied ihre Mailboxnachrichten abzuhören. Sie beschwerte sich darüber, dass Markus immer noch nicht nach Hause gekommen war, obwohl er versprochen hatte, Ben zu hüten. Das hatte Markus wirklich total vergessen. Alex hatte einen Termin bei Gericht und ihre Mutter war noch ein paar Tage verreist. Schweren Herzens verließ Markus das Krankenhaus und machte sich auf den Weg zu Alex.

„Oh, wie nett, dass du doch noch den Weg hierher gefunden hast.“ Mit verschränkten Armen und sichtlich sauer stand Alex in der Haustür. „Tut mir leid, ich hab einfach die Zeit vergessen.“ „Ist deine Ex jetzt schon wichtiger als wir?“ „Man, Alex, Katharina hatte einen sehr schweren Unfall und sie ist und bleibt einer der wichtigsten Menschen für mich.“ „Fein, wenn sie dir wichtiger ist als wir, dann lauf halt zu ihr.“ „Lass uns später drüber reden.“ „Na prima, ich muss eh los. Und pass gut auf mein Kind auf, hörst du!“ Markus nickte, während Alex an ihm vorbeirauschte, um ihre Jacke vom Haken zu nehmen und die darunter stehende Tasche griff. Mit wütender Mine stieg sie ins Auto und brauste davon. Markus atmete tief durch. Seine Gedanken wanderten zu Katharina. Mit ihr hatte er auch manchen Streit gehabt, aber sie war ein so emphatischer Mensch, sie hätte nie so reagiert. Markus schaute nach dem kleinen Ben, der selig schlief und legte sich auf das Sofa in seinem Kinderzimmer. Mit den Gedanken bei Katharina schlief er ein.

Tobias saß gerade an Katharinas Bett, als er bemerkte, dass sie total unruhig wurde. Sofort drückte er den Alarmknopf. Katharina lag im künstlichen Koma, wie konnte sie da so unruhig werden? Tobias hatte große Sorge und Frau Dr. Ortmann war in Windeseile da. Sie bemerkte ebenfalls sofort Katharinas Unruhe. „Sie scheint zu träumen.“ „Dann hat sie aber definitiv einen Alptraum. Sie versucht doch zu schreien.“ Besorgt sah Tobias auf seine Schwester. „Sie will offenbar selbst atmen.“ Vorsichtig befreite die Ärztin Katharina vom Beatmungsgerät. Gespannt schaute Tobias auf seine Schwester, die sofort viel ruhiger geworden war. „Ich geb ihr zusätzlich noch etwas Luft durch die Nase, aber sie atmet definitiv alleine. Tiefer als jetzt möchte ich sie auch nicht in Narkose legen.“ Die Ärztin legte Katharina noch neue Infusionen, maß Fieber, als sie plötzlich anfing zu brabbeln. Tobias hatte sofort das Wort verstanden. „Was hat sie gesagt?“, fragte Frau Dr. Ortmann. „Markus. Sie hat eindeutig gerade Markus gesagt. Ich hol dir den Markus, Katharina“, sagte Tobias mit einem Lächeln. „Ich ruf ihn gleich an, dass er dich besuchen kommt. Er war auch letzte Nacht hier bei dir. Wir passen beide auf dich auf.“ „Sie scheint ihre Worte zu hören und zu verstehen. Schauen sie, sie beruhigt sich sichtlich.“ „Ist das ein gutes Zeichen?“ „Ein sehr gutes.“

Markus war erschrocken aufgewacht. Seine Gedanken wanderten sofort zu Katharina. War alles okay mit ihr? Er hatte geträumt. Er hatte sie in die Tiefe fallen sehen. Sie hatte verzweifelt seinen Namen geschrien. Der Traum war so real gewesen, dass Markus völlig neben der Spur war. Er musste ins Krankenhaus, sofort. Markus zog sich schnell etwas Frisches an, dann zog er den kleinen Ben an, schnappte sich den Jungen und fuhr direkt zum Krankenhaus. Ihm war klar, dass Alex ihn für diese Aktion hassen würde, aber es war ihm egal. Er wollte zu Katharina und er musste zu Katharina. Jetzt.

„Markus, da bist du ja schon wieder“, irritiert sah Emilie Markus an, der mit dem Kleinkind auf dem Arm durch die Tür kam. „Ich kann nicht anders, ich muss zu ihr.“ „Was hältst du davon, wenn ich mich um Ben kümmere und ihn mit zum Hof nehme? Ich muss eh rüber, weil Franz heute heimkommt.“ „Oh, Emilie, du bist die Beste.“ Grinsend nahm Emilie ihm das Kind ab. „Aber wie erklär ich das Alex?“ Markus seufzte. „Ganz ehrlich, Markus, ich glaub, du hast ganz andere Dinge mit Alex zu klären. Ich habe die ganze Zeit nix gesagt, aber ich glaube, jetzt muss ich. Die Alex passt einfach überhaupt nicht zu dir. Und wenn du mal ganz ehrlich zu dir selbst bist, dann weißt du doch, wo du hingehörst, oder!? Du hast dir die Frage doch schon längst selbst beantwortet.“ Verzweifelt sah Markus Emilie an. „Aber ich mag die Alex.“ „Ja, du magst sie, bist verknallt, aber lieben, also so richtig lieben, tust du nur die eine und das weißt du auch. Du willst es nur nicht wahrhaben. Weil du Angst hast. Du hast Angst, dass es wieder nicht gut geht mit euch. Aber ich sag dir noch was. Du hast die Zügel in der Hand! Wenn du einfach mal Katharina in deine Entscheidungen einbeziehst und sie ernster nimmst und nicht als selbstverständlich ansiehst, dann habt ihr beide viel gewonnen. Denn nicht nur die Katharina hat Fehler gemacht, auch du. Denk mal drüber nach. Und jetzt ab mit dir zu ihr. Um den kleinen Kerl hier kümmere ich mich schon.“ „Danke, Emilie.“

Markus betrat gerade Katharinas Zimmer, als ihm Tobi an der Tür begegnete. Sofort berichtete er, was geschehen war und Markus sah ungläubig zu Katharina. Sie schlief doch, wie konnte sie da seinen Namen sagen? Aber er musste zugeben, dass sein Herz schneller schlug beim Gedanken daran. Vorsichtig setzte sich Markus an ihr Bett. Sanft streichelte er über ihre Wange, ehe er ihre Hand nahm. „Katharina? Ich bin hier. Tobi hat mir eben erzählt, dass du meinen Namen gesagt hast? Dass du versucht hast zu schreien? Wir passen auf dich auf, dir passiert nichts. Ich bin da und ich bleibe so lange, bis du aufwachst. Ich muss nämlich dringend mit dir reden.“ Markus spürte eine zarte Bewegung in ihren Fingern. „Ich hab geträumt, Katharina. Du bist gefallen und hast so verzweifelt meinen Namen gerufen. Es war so real, da musste ich direkt zu dir. Ich brauche dich so sehr, dich zu verlieren, das könnte ich nicht ertragen.“ Markus lehnte sich mit dem Kopf an ihre Hand und die Nähe zu ihr tat ihm so gut, dass er Alex und seine Probleme vergaß und an ihrem Bett einschlief.

Frau Dr. Ortmann ließ Markus einfach an Katharinas Bett schlafen, denn sie bemerkte, dass Katharina seitdem sehr ruhig schlief und ihre Werte dabei waren sich zu verbessern. Was auch immer dieser Markus tat, er schien ihr wirklich gut zu tun. Aber nichtsdestotrotz war der Druck auf Katharinas Gehirn immer noch enorm hoch. Zu hoch, um sie schon aus dem Koma herauszuholen. Aber bei weitem besser als nach ihrer Einlieferung. Markus hatte bis zum Abend an Katharinas Seite geschlafen. Normalerweise war es nicht erlaubt, dass ein Patient so lange Besuch bekam. Als er erwachte, war er erschrocken, wie lange er an Katharinas Bett geschlafen hatte. Der nächste Streit mit Alex war damit definitiv vorprogrammiert. Markus beobachtete Katharina, deren Brustkorb sich gleichmäßig hob und wieder senkte. „Katharina“, flüsterte er, „ich muss mal kurz weg, was mit Alex klären. Ich komme wieder. Fest versprochen.“

Markus verließ das Zimmer und die Intensivstation, legte seinen grünen Kittel ab und trat auf den Flur. Dann schaltete er sein Handy ein und begann die Mailbox abzuhören. Alex hatte ihm mehrfach draufgesprochen und unzählige Male angerufen. Er ahnte, dass es gleich einen heftigen Streit geben würde. Markus hatte noch nicht alle Mailboxansagen abgehört, als Alex plötzlich vor ihm stand. Böse funkelte sie ihn an. „Sag mal, spinnst du eigentlich? Was fällt dir ein, Ben ohne meine Zustimmung bei Emilie zu parken? Ist deine doofe Ex tatsächlich wichtiger als wir? Wir sind deine Familie, falls du dich noch erinnern kannst. Du hättest heute auf Ben aufpassen sollen, stattdessen gibst du ihn einfach weg?“ Alex war laut geworden und durchbohrte Markus mit ihrem Blick. „Du hast schon begriffen, was mit Katharina ist, oder!? Sie hatte einen Unfall, weil ich nicht da war. Und jetzt liegt sie im Koma. Und ich werde nicht von ihrer Seite weichen, bis sie wieder aufgewacht ist.“ „Weil du nicht da warst? Echt jetzt, Markus. Du bist nicht für alles verantwortlich. Wenn sie zu blöd ist, sich richtig zu sichern und aufzupassen, dann ist sie doch selbst schuld.“ „Kapierst du es nicht? Wäre ich erreichbar gewesen, wäre sie nicht allein da runter. Aber du hast ja ein Affentheater gemacht, dass ich das Handy ausmachen soll.“ „Bin ich jetzt für Katharinas Dummheit verantwortlich, oder was? Du spinnst doch!“ „Das habe ich so nicht gesagt.“ „Aber gemeint.“ Frau Dr. Ortmann kam gerade in den Wartebereich und platzte mitten in den Streit. „Dann geh doch zu deiner Ex, aber glaub ja nicht, dass du dann wieder zu mir kommen kannst.“ „Hallo, das hier ist ein Krankenhaus“, ging die Ärztin dazwischen. „Also Markus, du hast die Wahl. Entweder du kommst jetzt sofort mit mir oder du kannst ganz bei deiner Ex bleiben.“ Markus sah Alex bestimmt an. „Ich bleibe.“ „Na fein, bitte, du hast es so gewollt.“ Sie drehte sich um und stapfte davon. Frau Dr. Ortmann stand neben Markus und beobachtete den Abgang. „Hui, die war aber in Fahrt. Markus, ich wollte sie noch was fragen. Könnten sie in den nächsten Tagen weiter herkommen? Immer, wenn sie da sind, ist Katharina ruhig, ihre Werte verbessern sich und ich hab das Gefühl, dass ihre Anwesenheit wirklich etwas bewirkt. Ich glaube, sie bekommt im Koma mehr mit, als wir gedacht haben.“ „Ich lass Katharina nicht allein.“ „Sie mögen sie sehr.“ Fragend sah sie Markus an. „Sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Und sie muss gesund werden. Ich brauche sie und das muss sie endlich wissen.“ Markus telefonierte noch kurz mit Emilie und erzählte ihr, was gerade passiert war. Emilie konnte nicht anders als Markus zu sagen, dass seine Entscheidung genau richtig war. Für sie war schon lange offensichtlich, dass Alex nicht die richtige Frau war. Und sie war froh und erleichtert, dass Markus es langsam auch bemerkte.

Markus nahm seinen Platz an Katharinas Seite wieder ein. Er musterte sie und sah, dass sie nass geschwitzt war. Sie war definitiv auch wieder sehr unruhig, weshalb Markus sofort ihre Hand nahm und sanft über ihre Wange streichelte. Offensichtlich war sie wieder in einem Alptraum gefangen. Markus redete beruhigend auf sie ein. Katharina schien aber in ihren bösen Träumen festzuhängen. Nachdem Markus den Klingelknopf gedrückt hatte, kam die Ärztin sofort. Und sie erkannte ebenfalls direkt, dass Katharina in ihren Alpträumen gefangen war. „Ich glaube, wir müssen das Risiko eingehen und sie aus dem Koma holen.“ Markus schaute sichtlich beunruhigt auf Katharina. Sie hatte definitiv Schweißperlen auf der Stirn und Tränen liefen aus ihren Augen. Markus machte sich große Sorgen um sie. Was auch immer sie gerade träumte, musste einfach schrecklich sein. „Ich halte es für ratsam, wenn sie bei ihr bleiben. Was auch immer sie in ihren Träumen durchlebt, es muss schlimm sein. Ich hoffe nur, dass alles gut geht.“ Frau Dr. Ortmann senkte die Dosis des Narkosemittels. Markus war sichtlich angespannt. Er konnte kaum erwarten, dass Katharina aufwachte, aber gleichzeitig hatte er wahnsinnig Angst davor.

Markus war sichtlich erleichtert, als Tobias den Raum betrat. „Hey“, sagte Markus leise. „Hey“, grüßte Tobi zurück und kam zu Katharinas Bett. „Hey kleine Schwester.“ „Gut, dass du da bist“, meinte Markus. „Sie wird aus dem Koma geholt.“ „Ich weiß schon, ich hab eben mit der Ärztin gesprochen. Und ich weiß auch, was du bewirkst bei ihr, mein Freund.“ Tobias konnte sich das schelmische Grinsen nicht verkneifen. „Aber sag mal, bist du die Schreckschraube jetzt los?“ „Ja, ich bin sie los. Sie versteht nicht, dass ich hier sein will. Es ist alles meine Schuld. Ich bin schuld, dass Katharina hier liegt.“ „Nein Markus. Klar, es war doof, dass du nicht erreichbar warst und ich hatte wirklich Wut auf dich. Aber trotzdem trifft dich keine Schuld.“ „Ich lass deine Schwester nie wieder aus den Augen.“ „Das hast du ihr schon mal versprochen, erinnerst du dich?“ Geknickt sah Markus Tobias an. „Ich weiß.“ „Du weißt, du bist mein bester Freund und ich steh immer hinter dir, aber nicht nur meine Schwester hat Fehler gemacht, du genauso. Du hast sie so verletzt, weil du sie aus allen Entscheidungen ausgeschlossen hast. Mach das nie wieder.“ „Hilfst du mir? Hilfst du mir, das hinzukriegen? Wenn deine Schwester mir wirklich noch eine Chance geben sollte, dann darf es nicht wieder schief gehen.“ Tobias nickte Markus aufmunternd zu. „Aber erstmal muss sie aufwachen. Wie lange kann sowas wohl dauern?“ Markus zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Aber ich hab Angst davor, Tobi.“ „Wir schaffen das schon. Bleibst du über Nacht bei ihr?“ „Ich geh hier nicht weg, bis sie die Augen aufschlägt.“ „Sie wird definitiv unsere Hilfe benötigen. Bis die ganzen Brüche geheilt sind, das wird dauern. Und du weißt, wie unausstehlich sie ist, wenn sie krank ist und nicht mit uns raus auf den Berg kann.“ Markus lachte. „Oh ja. Als sie sich das Schienbein gebrochen hatte und eingegipst war, da war sie echt anstrengend. Aber ich freu mich trotzdem, wenn wir sie wieder zuhause haben.“ „Ich mich auch. Wie lange das wohl dauert?“ Markus sah Katharina an und seufzte. „Ein paar Wochen bestimmt.“ Tobias nickte.

Die nächsten Tage änderten nichts an Katharinas Zustand. Sie träumte weiterhin intensiv und definitiv nichts Gutes. Markus schaffte es aber immer wieder, sie zu beruhigen. Er hatte sich wirklich nicht wegbewegt. Markus blieb jede Nacht an ihrem Bett und auch tagsüber bewegte er sich nur fort, um sich frisch zu machen. Zum Glück hatte er ausreichend Urlaubstage angesammelt, die er jetzt für Katharina einsetzte. Er wünschte sich einfach nur, dass sie endlich die Augen aufschlug. Ein paar Mal hatte Katharina im Schlaf bereits nach ihm gerufen. Und jedes Mal war ihm das Blut in den Adern gefroren. So verzweifelt hatte ihre Stimme geklungen. Markus fragte sich sie die ganze Zeit, was sie gerade durchmachte. Katharina brauchte mittlerweile keinen Sauerstoff mehr und atmete gleichmäßig. Die Schrammen in ihrem Gesicht heilten langsam. Immer wieder streichelte Markus liebevoll über ihre Wange. Er hatte bemerkt, dass sich Katharinas Atem veränderte. „Katharina, mach die Augen auf, bitte. Komm zurück zu uns. Wir vermissen dich alle so sehr, bitte, mach doch die Augen auf.“ Markus hielt ihre unverbundene Hand fest in seiner, gleichzeitig immer darauf bedacht, ihr nicht wehzutun, da der Zugang in dieser Hand steckte.

Katharina hörte Markus klar sprechen. Sie sollte ihre Augen öffnen. Aber ihre Augen waren doch auf. Sie hatte Markus doch fallen sehen. In die Tiefe. Ungesichert. Markus war doch tot, wie konnte er jetzt mit ihr sprechen? Sie war so verwirrt. Wahrscheinlich bildete sie sich einfach ein, dass Markus noch leben würde. Aber Markus war in den Tod gestürzt und sie hatte es nicht verhindern können. Katharina weinte bitterlich. Sie liebte Markus mehr als alles andere auf der Welt. Ihn nie wieder zu sehen, brachte sie um den Verstand. Die Bilder, wie er fiel, wiederholten sich immer und immer wieder vor ihren Augen. Aber wieder hörte sie seine Stimme. „Katharina, bitte, wach auf.“ Wieso aufwachen? Katharina spürte wahnsinnige Kopfschmerzen. Wo kamen die denn jetzt her? Und wer streichelte sie da im Gesicht? Es war doch niemand zu sehen. „Katharina, bitte mach deine Augen auf. Ich brauch dich doch.“ Markus küsste sanft ihre Nasenspitze. Markus. Es roch nach Markus. Katharina verstand einfach nichts. Aber Markus war da. Sie spürte es ganz deutlich. „Katharina, hörst du mich? Komm zurück zu mir. Ich liebe dich.“ Katharina begann ihn panisch zu suchen und fiel plötzlich selbst in die Tiefe. Mit einem Schrei riss sie weit die Augen auf. Markus erschreckte sich zu Tode beim gellenden Schrei seiner Freundin. Verstört sah Katharina ihn an. „Markus“, flüsterte sie tränenerstickt. „Bist du das wirklich?“ Markus legte beide Hände um ihr Gesicht. „Ja, Katharina, ich bin hier.“ „Du lebst“, stammelte sie. „Du bist nicht tot.“ „Nein, ganz gewiss nicht.“ Katharina weinte erleichtert und legte ihre Hand an Markus Wange. Irritiert bemerkte sie den Gips an ihrer linken Hand. Fragend sah sie Markus an. „Du hattest einen Unfall. Du bist knapp 8 Meter beim Einsatz in die Tiefe gestürzt. Die letzten 7 Tage hast du im Koma gelegen.“ Katharina spürte wieder den Schmerz in ihrem Kopf, der sie die Luft einsaugen ließ. „Hast du Schmerzen?“ „Ja.“ „Ich ruf die Ärztin.“ „Warte. Du hast etwas gesagt. Meinst du das wirklich so?“ „Was meinst du?“ „Das, was du als Letztes gesagt hast. Hast du wirklich gesagt, dass du…“ „Dass ich dich liebe?“ Katharina sah ihn hoffnungsvoll an. „Das hab ich so gemeint, wie ich es gesagt habe.“ Katharina lächelte ihn glücklich an, schloss die Augen und driftete in einen tiefen Schlaf.

Katharina schlief durch bis zum nächsten Morgen. Als sie dieses Mal aufwachte, war die Welt etwas klarer. Sie nahm ganz klar den Duft von Zirbe wahr und wusste genau, wer da an ihrem Bett saß, bevor sie ihren Blick zur Seite wenden konnte. Ihr Kopf hämmerte, ihre Augen taten beim Öffnen einfach weh, aber sie wollte die blauen Augen sehen, denen sie einfach total verfallen war. „Guten Morgen, Dornröschen“, ertönte seine sanfte Stimme. Katharina lächelte. „Guten Morgen, Markus“, antwortete sie. Markus ging das Herz auf. Dass sie mit ihm sprechen konnte und sich definitiv an ihn erinnern konnte, das war einfach ein so schöner Moment. Katharina schaute Markus tief in die Augen. Sie zwang sich richtig, die Augen offen zu halten. „Wie geht’s dir?“, fragte Markus besorgt. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie ehrlich. „Durst hab ich.“ „Moment, ich hab hier was bekommen für dich.“ Markus tupfte ein Tuch in Flüssigkeit und tupfte dann damit über Katharinas Lippen. „Besser?“ „Danke. Was ist mit mir passiert?“, wollte Katharina nun wissen. „Du bist beim Einsatz abgestürzt. Du wolltest helfen und der Verletzte hat dich über den Abgrund gestoßen. Du bist fast 8m tief gefallen.“ Katharina hob ihre eingegipste Hand etwas hoch und sah sie an. „Du hast eine gebrochene Hand“, erklärte Markus. „Mir tut alles weh“, sagte sie leise. „Du hast auch ziemlich viele Knochen gebrochen. Bisschen Geduld wirst du haben müssen. Du hattest innere Blutungen, hast aber deine Milz noch. Ein Schädel-Hirn-Trauma hast du dir auch eingefangen, du warst jetzt ganze 7 Tage im Koma.“ Katharina sah Markus erschrocken an. „Eine Woche?“ Markus nickte ihr liebevoll zu.“ „Du warst hier. Immer.“ Markus lächelte nur. „Und du hast mit Alex Schluss gemacht.“ „Sie mit mir, aber ja. Woher weißt du das?“ „Du hast mit Tobi hier gesprochen, oder?“ „Das hast du mitbekommen?“ „Ich weiß nicht, was real ist. Ich hab so viel gesehen und alles war so echt. Ich hab dich sterben sehen. Immer wieder. Du bist immer in die Tiefe gefallen und ich konnte dich nicht halten.“ Katharina liefen unweigerlich die Tränen über die Wangen. Markus beugte sich über sie und wischte die Tränen weg. „Hey, ich bin hier, nicht weinen. Du hast nur böse geträumt.“ Katharina schlang ihre Arme um Markus Hals. Beinahe riss sie sich die Infusion raus, was Markus gerade noch verhindern konnte. Er hielt sie fest im Arm. Und trotz des ganzen Krankenhausgeruchs überall, konnte er immer noch den typischen Katharina-Geruch ausmachen. Es fühlte sich so richtig an, sie im Arm zu haben. „Katharina?“ „Ja.“ „Ich lasse dich nie wieder alleine.“ „Versprochen?“ „Ganz fest.“ „Ich bin so müde, Markus. Aber ich hab Angst zu schlafen. Da sind diese Träume.“ „Ich passe auf und wecke dich, wenn ich merke, dass du schlecht träumst. Okay?“ Markus hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn, hielt ihre Hand in seiner und sah ihr beim Schlafen zu.

Nach 3 weiteren Wochen in denen Markus, Tobi, Emilie, Rudi und Michi jede freie Minute bei ihr verbracht hatten, hatte Katharina erbettelt nach Hause auf den Hof zu dürfen. Sie hatte sich für eine ambulante Reha entschieden zu der Markus sie jeden Morgen vor der Arbeit bringen wollte. Katharina war richtig aufgeregt, als Markus mit ihr auf den Hof fuhr. Den Rollstuhl für Katharina hatte er hinten auf der Ladefläche seines Wagens platziert. Vorsichtig hob er sie aus dem Auto und trug sie in das kleine Häuschen mit den roten Fensterläden, statt ins Gästezimmer im Haupthaus. Irritiert sah Katharina Markus an. „Ich hab doch gesagt, ich lasse dich nicht mehr aus den Augen.“ Markus grinste sie schelmisch an. Vorsichtig brachte er Katharina direkt ins kleine Wohnzimmer und setzte sie auf das Sofa, das er extra ausgezogen hatte, damit sie bequem darauf liegen konnte. Markus hatte ihre Kuscheldecke und ihr Lieblingskissen schon darauf ausgebreitet. „Du möchtest, dass ich hierbleibe?“ Katharina und Markus hatten nicht weiter über ihren Beziehungsstatus gesprochen. Beide genossen das zärtliche Händchenhalten im Krankenhaus und die gemeinsame Zeit, aber niemand hatte gewagt, ihren Beziehungsstatus anzusprechen. „Ja, du gehörst doch hierher.“ Katharina wollte gerade etwas erwidern, als es an der Tür klingelte. „Kleinen Moment, schöne Frau, ich komme gleich wieder.“ Markus öffnete die Tür und schaute in das böse Gesicht von Alex. Wütend warf sie ihm seine Sachen vor die Füße, die er mit zu ihr genommen hatte. „Hier. Du hast dich ja für deine Ex entschieden. Ich hoffe, du bist jetzt glücklich“, sagte sie giftig. „Ja, ich habe mich für Katharina entschieden. Und auch, wenn Katharina sich gegen mich entscheidet, wir beide passen einfach nicht zusammen, Alex. Du und ich, das war für den Moment schön, aber eine Zukunft haben wir nicht.“ „Schön, wenn du das so siehst. Dann lass dich von ihr wieder abschießen, wenn sie auf den Trichter kommt, dass sie wieder Kinder will. Für Ben warst du eh kein guter Vater.“ „Wenn du das so siehst.“ „Leb weiter für deine blöde Bergrettung und deine Ex. Mal sehen, wie lange es diesmal hält. Heiraten tust du sie ja eh nicht, Kinder willst du keine eigenen, dann kann ich dir nur viel Spaß beim Run ins Verderben wünschen. Ihr schafft es eh nicht. Aber dann komm nicht angelaufen.“ Alex drehte sich um, stapfte zum Auto und brauste davon. Markus sammelte seine Sachen auf und legte sie in den Flur. Katharina hatte jedes Wort im Wohnzimmer gehört. Ihr war klar, dass Markus und sie dringend miteinander reden mussten. Waren sie nun ein Paar oder nicht? Markus blieb im Türrahmen stehen und musterte die blonde Bergretterin. Ihre Blicke trafen sich und ohne Worte wussten sie, dass sie nun ums Reden einfach nicht mehr herumkamen. Markus krabbelte neben Katharina aufs Sofa. Seufzend sah er sie an. „Du hast das Gespräch mit Alex gehört, oder?“ „Hab ich.“ „Und? Was denkst du? Haben wir beide eine Chance?“ Markus Herz klopfte bis zum Hals. Liebevoll lächelte Katharina ihn an. „Wenn du mich wirklich noch willst?“ „Ich will nichts mehr. Das hab ich jetzt mehr als deutlich gemerkt. Ich hatte eine derartige Scheißangst, dass du stirbst. Aber kannst du das wirklich, auch ohne Kind? Du bist schon mal deswegen gegangen.“ „Und habe gemerkt, dass ich ohne dich auch nicht glücklich werde.“ Markus zog Katharina in seinen Arm und küsste sie sanft. „Das wollte ich schon tun, seit du wieder aufgewacht bist.“ Katharina grinste. „Warum hast du nicht?“ „Ich wollte einen schöneren Ort dafür, wo ich mit dir allein bin.“ Katharina grinste. „Kann ich noch einen haben?“ „So viele du willst. Ein Leben lang.“ Erneut trafen sich ihre Lippen und endeten in einem leidenschaftlichen Kuss. Dann half Markus Katharina sich hinzulegen und legte sich dicht neben sie. „Du, Katharina?“ „Ja?“ „Würdest du immer noch nein sagen, wenn ich dich fragen würde?“ „Nein, Markus, das würde ich nicht.“ „Guuuut“, grinste er. „Dann schauen wir jetzt, dass wir dich ganz schnell wieder auf deine eigenen Beine bekommen und bis dahin hast du das volle Markus-Verwöhnprogramm.“ „Danke. Ich hasse es, wenn ich einfach nix alleine kann.“ „Ich weiß. Und wir alle hier kümmern uns darum, dass dir nicht langweilig wird und du täglich zur Reha kommst.“ „Für den Moment möchte ich einfach nur in deinen Armen liegen und bei dir sein und die bösen Träume vergessen.“ „Und später eine große Portion Bolo verdrücken?“ „Oh ja, das klingt herrlich.“ „Und bis dahin ist Kuschelzeit. Wir haben ja einiges aufzuholen.“ „Markus? Wir dürfen das wirklich nie wieder vor die Wand fahren.“ „Nein. Nie wieder. Wir schaffen das. Ich will dich nie wieder verlieren.“ Markus küsste Katharina liebevoll und hielt seine Freundin einfach fest im Arm. Er fühlte sich wieder vollkommen. Katharina ging es ebenso. „Markus?“ „Ja?“ „Aber so eine Gardine wie beim Fotoshooting zieh ich nie wieder an.“ Markus lachte. „Denkt da etwa jetzt schon jemand über unseren großen Tag nach?“ Katharina schaute Markus unschuldig an. „Ja, bevor du es dir noch anders überlegst.“ „Keine Sorge, das tu ich nicht. Aber ich will mit darüber nachdenken“, grinste er. „Ich freu mich nämlich, wenn du offiziell meins bist.“ Glücklich schaute Katharina Markus an. Nie wieder wollte sie Markus verlieren. Das Schicksal hatte sie wieder zusammengebracht. Auch, wenn sie noch einen langen Weg vor sich hatte, bis sie wieder gesund war, sie war froh und dankbar für diese neue Chance mit dem Mann, dem einfach ihr Herz gehörte. „Katharina? Ich muss dir noch etwas sagen. Es hat nie an dir gelegen, dass ich damals kein Kind wollte. Ich hätte das viel eher klarstellen müssen. Du warst nie der Grund. Mia war der Grund. Ich hab es nie verwunden, dass sie gegangen ist. Ich wollte das einfach nie wieder erleben. Aber das Leben mit Ben war schon schön. Und mit dir könnte ich mir tatsächlich ein Kind vorstellen.“ „Wow“, sagte Katharina nur. „Lassen wir alles einfach auf uns zukommen, okay?“ Markus nickte. „Ich wollte nur, dass du das weißt.“ „Danke.“ Katharina kuschelte sich noch enger an Markus und beide freuten sich auf ihr neues gemeinsames Leben.