Katharina sank erschöpft auf ihr Bett. Ihr war so schwindelig und ihr Magen drehte sich ständig um seine eigene Achse. Seit ihrer Trennung von Lukas waren nun fast zwei Monate vergangen. Sie vermisste ihn so sehr. Die Zeit mit ihm war so leicht, so unbeschwert gewesen. Lukas hatte ihr stets gezeigt, dass sie geliebt wurde. Etwas, das sie von Markus zwar auch auf eine gewisse Weise kannte, aber es war nie leicht gewesen. Sie hatte Markus dennoch unendlich geliebt.

Leise klopfte es an ihrer Tür. Tobi steckte seinen Kopf herein. „Hey, wie geht’s dir?“, fragte er zaghaft.

„Hey“, erwiderte sie leise. Ihr Gesicht war blass und ihre Augen wirkten müde und erschöpft. „Geht so, antwortete sie wahrheitsgemäß.“

„Ich hab hier einen Tee für dich.“ Vorsichtig stellte Tobi die Tasse auf ihren Nachttisch. „Und ich soll dich grüßen. Von Lukas.“

Katharina seufzte.

„Du vermisst ihn immer noch.“

„So sehr.“

Tobi setzte sich auf den Rand des Bettes und Katharina kuschelte sich in seine Arme. Sie begann zu weinen. Tobi hielt sie einfach fest, bis ihr schluchzen langsam verebbte.

„Du solltest nochmal mit ihm reden. Er vermisst dich nämlich auch wahnsinnig.“

„Aber es würde nicht funktionieren. Er will Kinder – ich nicht mehr.“

„Und wer sagt dir, dass er seine Meinung nicht auch noch ändern kann?“

Tobi hielt seiner Schwester den Tee vor die Nase. „Italienische Limone, magst du doch.“

Mit einem Lächeln nahm Katharina die Tasse und nippte an der heißen Flüssigkeit.

Doch kurz darauf sprang sie auf und rannte zur Toilette.

Tobi sah ihr nach. „Ich verwette meinen Arsch drauf, dass du längst schwanger bist, Schwesterherz“, murmelte er, bevor er aufstand, um nach ihr zu sehen.

In den nächsten Tagen war Katharinas Wohlbefinden ein einziges Auf und ab. Sie hatte sich bei der Bergrettung Urlaub genommen und sich einen Termin zum Durchchecken im Krankenhaus geben lassen. Tobi war der einzige, den sie eingeweiht hatte und er begleitete seine Schwester. Geduldig saß er auf dem Flur, als plötzlich Markus und Nina mit einem Notfall um die Ecke kamen.

„Tobi? Was machst du denn hier? Ist was passiert?“

Erschrocken sah Tobi seinen besten Freund an.“

„Nee, alles gut.“ Tobi überlegte, wie er aus der Nummer rauskommen sollte ohne Katharina zu verraten.

„Ich hab nur… nur…“

„Kommt da noch was? Was ist los, Tobi?“, fragte Markus alarmiert.

„Ich hab nur eine Mitarbeiterin hergebracht. Kleiner Unfall.“

„Ach so.“

Nina schlang ihre Arme um Markus Taille. „Nicht immer geht sofort die Welt unter, Markus.“ Dann küsste sie ihn.

Tobi fand diesen Anblick auch nach ein paar Wochen immer noch befremdlich. Er hatte immer geglaubt, dass Markus und Katharina füreinander bestimmt waren, aber Markus hatte klar gezeigt, dass er Katharina nicht mehr liebte. Umso glücklicher hatte es Tobi gemacht, Katharina nochmals mit Lukas so fröhlich und verliebt zu sehen.

„Tobias, kannst du bitte mal kurz kommen?“ Nick war unbemerkt in den Flur gekommen und winkte Tobi zu sich.

„Wir sehen uns nachher zuhause“, sagte Tobi schnell und verschwand mit Nick.

„Was ist mit Katharina?“ Alarmiert sah er Nick an.

„Das erzählt sie dir jetzt selbst.“

Nick öffnete die Tür des Behandlungszimmers. Katharina lächelte nur glücklich und die Tränen liefen ihr über die Wangen. „Guck mal“, sagte sie tränenerstickt. „Das da ist deine Nichte.“

„Was?“ Tobi trat an seine Schwester heran und nahm ihre Hand, während er auf den Monitor sah. Die Gynäkologin zeigte ihm lächelnd den kräftigen Herzschlag. „Wow“, stammelte er nur.

„Sie ist noch etwas klein und leicht, aber ihr Herzchen schlägt ganz kraftvoll. Wenn ihre Mama jetzt ein kleines bisschen verwöhnt wird, wird sie schnell zulegen.“

„16. Woche und ich hab nix gemerkt“, kopfschüttelnd stand Katharina vor Tobis SUV.

„Na ja, du hattest halt viel Kummer. Und jetzt päppeln wir dich erstmal auf… soviel zu: ich will kein Kind mehr.“ Tobi grinste sie breit an. „Ich hab es übrigens geahnt.“

„Was?“

„Dass du schwanger bist. So warst du damals auch mit deiner Kotzerei. Und ich wusste, du würdest dich freuen.“

Katharina liefen wieder die Tränen. „Ich hab dich lieb, Brüderchen.“

„Wie hast Du das denn überhaupt geschafft? Du nimmst doch die Pille?“

Liebevoll streichelte Katharina über ihren Bauch. „Ich habe keine Ahnung, die Kleine ist ein Wunder.“

„Du musst Lukas informieren.“

Katharina nickte und kräuselte ein wenig ihre Nase. „Und wie soll ich das machen? Ihn anrufen und sagen Hallo Lukas, ich liebe dich immer noch und schwanger bin ich auch.“ Sie seufzte.

Tobi grinste.

„Steig erstmal rein jetzt.“

Emilie hatte das Auto gehört und öffnete die Tür des Haupthauses. „Hey, da seid ihr ja endlich.“

Besorgt sah sie Katharina an.

Katharina hatte wieder Tränen in den Augen und fiel ihrer Schwägerin in die Arme.

Emilie drückte ihre Freundin fest an sich. Während sie ihr liebevoll über den Rücken streichelte suchte sie den Blickkontakt zu Tobias. Dieser strahlte sie an. Die Anspannung fiel von Emilie ab und ihr wurde klar, was los war.

„Herzlichen Glückwunsch“, flüsterte sie.

Am Abend rief Katharina Lukas an und bat ihn um ein Gespräch. Diesmal wollte sie den werdenden Vater direkt einbeziehen. Den Fehler hatte sie bei Thomas gemacht, nochmals würde ihr das nicht passieren.

Nervös tigerte sie durch die Küche.

„Katharina, alles wird gut“, flüsterte Tobi. „Lukas liebt dich.“

„Da ist er“, sagte Emilie nach einem Blick aus dem Fenster.

„Na dann. Wünscht mir Glück.“ Katharina lächelte angespannt, bevor sie sich zur Tür bewegte.

„Hey“, begrüßte sie Lukas zaghaft.

„Hey“, erwiderte Lukas ebenso zaghaft und fast schüchtern.

„Komm rein“, Katharina deutete ihm einzutreten. „Lass uns ins Wohnzimmer gehen.“

Lukas nickte und folgte ihr. „Magst du was trinken?“

„Ein Wasser wär gut.“

„Kommt sofort“. Katharina warf ihm ein Lächeln zu und kam wenig später mit zwei Gläsern Wasser zurück.

Lukas hatte inzwischen auf der Bank, welche um den Kamin herum führte, Platz genommen. Katharina setzte sich neben ihn und reichte ihm ein Glas. Lukas lächelte sie an. „Danke. Was wolltest du denn mit mir besprechen?“

Katharina drehte nervös ihr Glas in ihren Händen. Sie nahm einen Schluck und begann. „Ich war heute im Krankenhaus.“

Erschrocken riss Lukas die Augen auf und sah sie an.  „Was? Bist du krank?“

„Nein. Es ist etwas anderes.“

Forschend sah Lukas sie an.

Katharina stellte ihr Glas auf dem kleinen Beistelltisch ab. Lukas tat dies ebenfalls.

Katharina griff in die Tasche ihres Hoodies und zog einen Abzug ihres Ultraschallbildes heraus.

Ungläubig sah Lukas auf das Foto in ihren Händen. Sie reichte es ihm und mit zitternden Händen nahm er es entgegen.

„Ist das… werden wir… also bist du…“ Lukas stammelte und sah ungläubig auf das Bild.

„Ja, ich bin schwanger.“ Plötzlich kamen ihr diese Worte ganz leicht über die Lippen. „Du wirst Papa.“

„Aber wie kann das sein?“ Lukas war sichtlich verwirrt.

Katharina flüsterte: „Ich weiß es doch auch nicht. Aber die Kleine ist da. 16. Woche. Und ich habe sie nicht bemerkt.“ Zärtlich streichelte sie über ihren Bauch.

„Ein Mädchen…“ sagte er leise.

Katharina nickte.

Unbeholfen sah Lukas sie an. Er wusste nicht, ob er sie in den Arm nehmen sollte. Ob er es durfte. Immerhin waren sie getrennt. Katharina spürte seinen inneren Kampf und erlöste ihn, indem sie näher an ihn heranrückte und ihre Arme um Lukas legte.

Sofort spürte sie seine Erleichterung und vernahm ein Schluchzen. Lukas weinte.

Liebevoll streichelte sie seinen Rücken und hielt ihn einfach fest bis er sich wieder beruhigt hatte. Auch Katharina liefen die Tränen über die Wangen.

Lukas löste sich und sah sie an.

„Ich liebe dich. Immer noch. So sehr.“

„Und ich dich“, sagte sie tränenerstickt.

Lukas legte liebevoll beide Hände um ihr Gesicht und küsste sie einfach.

Katharina wehrte sich nicht dagegen. Sie genoss den Kuss und das wohlige Gefühl anzukommen. Sie wusste, alles würde sich fügen, alles würde gut werden. Und bald würde sie nochmal Mama werden. Eine Erdenmama mit einem Erdenkind und einem Partner an ihrer Seite, der sie wirklich liebte.